Verfasst von: Elly | Dezember 1, 2008

Psychiatriegeschichten…

Irgendwann sollten wir in der Berufsschule mal eine Kurzgeschichte schreiben, in der es so  eine Art „Wiederholungseffekt“ gibt. Ich hatte nicht die geringste Lust darauf, meinen Nachmittag am Computer zu verbringen, noch dazu hatte ich nicht die geringste Idee für eine solche Geschichte.


Nun konnte ich also lediglich auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Aus Frust ist dann die folgende Kurzgeschichte entstanden, die auf Gespächen mit einem an Schizophrnie erkrankten Menschen basieren:

F20.0


Er sitzt auf dem Bett in diesem kleinen Zimmer und starrt die weiß gestrichenen Wände an. Schon vor langer Zeit hatte man ihn in dieses Einzelzimmer verlegt. Vier Stunden.

Gleich würde die Tür aufgehen, und wieder würde er überprüfen müssen, ob tatsächlich jemand hereingekommen war, das wusste er genau. Die Tür ging auf, er hörte ein freundliches „Guten Abend!“. Die Schwester, ihren Namen wusste er nicht, würde ihm einige Pillen und ein Glas Wasser reichen, neben ihm stehen bleiben, bis er sie alle genommen hatte. Etwa alle zwei Wochen ändert man seine Medikation, daran hat er sich gewöhnt. Geholfen hatte es nie. Eine Stunde.

Auch heute würden sie wieder da sein, das wusste er. Meist kommen sie am Abend oder in der Nacht. Zuerst sind es oft zwei, die ruhig zu ihm sprechen. Dann kommen einige von ihnen dazu, ohne dass er sagen könnte woher. Sie reden über ihn, und er versucht sie abzuwehren. Läuft in dem kleinen Zimmer auf und ab, versucht, sie zum Gehen zu bringen. Fragt sich, wie lange sie heute bleiben würden.

Doch sie gehen nicht, reden über ihn, werden nervös. Ihre Gespräche und ihr Zureden werden warnend, fast vorwurfsvoll. „…Feuer…“ Er schreckt auf, versucht mitzubekommen, von welchem Feuer sie sprechen und wo das Feuer ist, doch sie reden zu schnell, sehr laut und durcheinander. „Feuer, es brennt, alle raus!“ Immer wieder hört er sie das sagen, wird immer panischer. Doch er versteht nicht, was sie meinen, irrt nervös in dem kleinen Zimmer umher, sucht nach dem Ausgang. „Wo ist der Ausgang?“ fragt er sie. „Nicht die Tür aufmachen, da ist da Feuer!“ rufen sie ihm zu. Er geht zum Fenster, will es öffnen. Es ist abgeschlossen. „Wo seid ihr?“ ruft er, doch sie antworten nicht. „Hört ihr mich?“ Wieder keine Antwort, nur das Brennen des Feuers. Wie viel Zeit bleibt noch?

Er öffnet die Tür, kann durch den Rauch nichts sehen, und schreit „Feuer, wir müssen raus hier!“. Er rennt zu der großen Glastür, doch auch sie ist abgeschlossen. Schlägt mit den Händen dagegen, tritt gegen den Türrahmen, wirft schließlich seinen Körper mit aller Kraft dagegen, doch die Tür bleibt verschlossen. Wieder schreit er, weint verzweifelt, hört, wie die Flammen sich ihm nähern und kann durch den Rauch kaum noch atmen. Keine Zeit mehr.

Plötzlich sind sie wieder da, packen ihn von hinten. Er versucht sich zu wehren, doch sie sind stärker. „Lasst mich raus, bitte!“, fleht er, „es brennt, lasst mich raus!“ Sie sagen etwas, doch er kann es nicht verstehen. Einen Moment piekt es an seinem Oberarm, dann werden seine Beine schwächer. Sie haben gewonnen. Bringen ihn zurück in das Zimmer, legen seinen Körper auf das Bett und fixieren seine Arme und Beine mit Manschetten am Bettrahmen. Zu Spät.

Er wacht auf und ist wieder in dem weiß gestrichenen Zimmer. Immer noch liegt er auf dem Bett, doch seine Arme und Beine sind nicht mehr fixiert. Er kann sich hinsetzen, auf dem Nachttisch steht ein Tablett mit seinem Frühstück. F 20.0, paranoide Schizophrenie, lautet die Diagnose. Jetzt weiß er das, kann klar denken. Doch am Abend würden sie wieder kommen. Vierundzwanzig Stunden. Vielleicht mehr oder weniger.


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