Verfasst von: Elly | März 20, 2009

Die Geschichte von Emma und dem Regenbogen

An dieser Geschichte habe ich eine Ewigkeit gesessen, und irgendwie ist sie nun auch ganz anders geworden, als ich es ursprünglich geplant hatte. Es scheint fast, als würde ich gar nicht mehr in der Lage sein, diese Ende-Gut-Alles-Gut-Geschichten zu schreiben…? Vielleicht schreibe ich für die sensiblen Gemüter ja auch noch einmal so eine Art „alternatives Ende“, so wie es einige Buchautoren, glaube ich, auch schon gemacht haben;-) Seltsam auch, dass ich nach dem Beenden der Geschichte eine so große Leere spüre – jetzt, da mein Werk fertig ist, oder: jetzt, wo „mein Kind“ sich aufgemacht hat in die große, weite Welt. Anyway, here goes…


Die Geschichte von Emma und dem Regenbogen

1

Es war ein sonniger Frühlingsmorgen, als Emma zum ersten Mal mit der Schafherde nach draußen auf die Weide durfte. Sie war ein ganz junges Schaf, gerade ein paar Monate alt. Die Sonnenstrahlen blendeten sie und wärmten ihr flauschiges Fell. Zwischen all den großen Schafen konnte sie das weite Feld noch nicht sehen, wusste nicht, was sie erwarten würde. Doch was auch immer es war, Emma war sich sicher, dass sie es mögen würde. Vorsichtig versuchte sie, ihren Kopf in die Höhe zu strecken, aber sie konnte noch immer nicht mehr erkennen als die Hinterteile der anderen Schafe. Ein kräftiger Ruck und lautes Schafsgebrüll von allen Seiten erschraken sie, Emma stolperte und fiel zu Boden. Mit ausgestreckten Pfoten lag sie nun im Gras, das von dem Regen in der Nacht noch nass war. Vor sich sah sie die vielen Schafe, die sie gerade umgerannt hatten und nun in alle Richtungen strömten.

Emma richtete sich auf und konnte zum ersten Mal die Weide sehen, die vielen gelben Butterblumen im Gras, den Fluss und den Wald, die das Feld ganz in der Ferne begrenzten. Eine leichte, angenehme Brise des Aprilwindes streifte ihren Rücken. Ganz tief atmete sie durch, sodass sie den Regen aus der letzten Nacht und die Wärme der Sonnenstrahlen fast schmecken konnte. Den Regen konnte sie nicht sehen, denn er war ja nicht mehr da, aber auch die Sonne schien sich hinter ihren hellen Strahlen zu verbergen. Wie sehr sich Emma auch anstrengte, sie konnte nicht erkennen, wie die Sonne aussah. Was war das für ein Wesen dort oben am blauen Himmel, das dafür sorgte, dass sie diese angenehme Wärme spürte? Aber eines konnte sie sehen, nämlich den Regenbogen, der von der Sonne direkt über den Wald führte und am Fluss zu enden schien. Wenn Emma nun zum Fluss am Ende der Weide ginge, vielleicht würde sie dann diesen bunten Weg finden, der sie zur Sonne führte?

Sie war sich nicht sicher, und so wollte sie erst einmal die anderen Schafe um Rat fragen. Wo war überhaupt ihre Mutter abgeblieben? Emma sah sich um, doch in der Ferne konnte sie die Mutter zwischen all den anderen Schafen kaum ausmachen. Es machte sie plötzlich traurig, dass niemand da war, mit dem sie den Anblick des wunderschönen Regenbogens und die angenehme Wärme der Sonnenstrahlen teilen konnte. Vorsichtig tapste Emma über das Feld, denn sie wollte die hübschen, kleinen Butterblumen, die doch ein wenig wie kleine Sonnen aussahen, nicht kaputt treten. Als sie die Schafherde erreicht hatte, fiel Emma auf, dass die Schafe in zwei Gruppen auf dem Feld verteilt standen, und in einer dieser Gruppen fand sie nun endlich auch die Mutter und auch den Vater.

„Mama, Papa, könnt ihr den Weg dort oben sehen?“, fragte Emma sogleich. „Welchen Weg?“ fragten die Eltern im Akkord, und Emma deutete mit ihren kleine Pfötchen zum Himmel, wo der Regenbogen nur noch ansatzweise zu sehen war. „Wovon redest du?“ fragte die Mutter nun. „Na, dort oben, von diesem bunten Weg, der…“ – „Da ist nichts, Emma.“ Unterbrach die der Vater. Emma fing gerade an, sich zu fragen, ob nur sie selbst diesen bunten Weg sah, als sie von der Mutter aus ihren Gedanken heraus gerissen wurde: „Wie siehst du denn überhaupt aus, Emma? Guck dich mal an, dein Fell ist ganz schmutzig. Du gehst besser mal dort drüben an den Fluss und wäschst dein Fell gründlich ab, sonst ist es zu spät, denn bei Sonnenuntergang wird der Bauer uns zurück in den Stall holen.“ Emma war enttäuscht, ließ ihre Ohren hängen, ging aber artig zum Fluss, den sie noch nie aus der Nähe gesehen hatte. Sie hatte sowieso vorgehabt, zum Fluss zu gehen, denn von dort aus führte ja der bunte Weg zur Sonne. Vielleicht würde sie ihn auch ohne die Hilfe der Eltern finden.

Als sie den Fluss erreichte, war jedoch von dem Regenbogen nichts zu sehen, und auch am Himmel konnte sie ihn nicht mehr erkennen. Der Weg zwischen dem Wald am Ende des der Weide und der Sonne am Himmel war verschwunden. Emma hatte den Fluss erreicht und sah nun direkt auf das Wasser – und erschrak. Mit einem Satz sprang Emma zurück, sodass sie wieder einen sicheren Abstand vom Fluss hatte. Dann näherte sie sich mit vorsichtigen Schritten wieder. Und nun konnte sie sehen, was sie so erschrocken hatte: Im Wasser stand ein anderes Schaf, das etwa so alt wie Emma sein musste, aber es war nicht weiß, so wie alle anderen Schafe, die Emma bisher gesehen hatte, sondern schien eigenartige Flecken auf seinem Fell zu haben. Emma beugte sich vor zum Fluss, um das Schaf näher zu betrachten. Unglücklicherweise tat das Schaf im Fluss genau das gleiche, und so konnte Emma nur noch dessen Kopf erkennen, der den Rest des Körpers verdeckte. „Weißt du, wohin dieser bunte Weg da oben führt?“ fragte Emma das andere Schaf, doch es schien nur die Bewegung ihres Mundes nur zu imitieren und sich keine Mühe zu machen, zu reagieren. Nun reichte es Emma, und sie hopste wütend auf und ab, wobei sie ausrutschte und in den Fluss fiel. Das andere Schaf hatte sich offenbar genauso erschrocken wie Emma selbst und war nun verschwunden. Sie kletterte aus dem Flussbett und schüttelte sich. Für eine Weile lag Emma noch, vollkommen müde von ihren Erlebnissen, auf der Wiese und ließ ihr Fell in der Sonne trocknen und schlief.

2

Abends, als der Bauer alle Schafe wieder zurück in den Stall getrieben hatte, wollte Emma noch einmal den Versuch wagen, die Eltern nach dem Regenbogen zu fragen, nach dem Schaf im Fluss, und sie wollte gern von der Sonne und den Butterblumen erzählen. In dem Gedränge, das herrschte, als die Schafe in den Stall getrieben wurden, hatte Emma die Eltern wieder verloren. Zwischen all den fremden Schafen im Stall konnte sie sie nicht mehr finden. Sie irrte durch die Herde, von allen Seiten drangen die üblichen Schafslaute in ihre Ohren. Dann – endlich! – konnte Emma die Mutter zwischen den Schafen erkennen, rannte los und rief „Mama, Mamaaaah! Hier bin ich!“ So voller Euphorie, die Mutter endlich gefunden zu haben, konnte Emma nicht rechtzeitig bremsen und stieß mit der Mutter zusammen. Diese drehte sich um und – war gar nicht die Mutter, sondern nur ein sehr ähnlich aussehendes Schaf. „Kannst du dich nicht vorsehen, du kleiner Tollpatsch?“ fuhr das Schaf sie an. „Ent…schul…digung“ stotterte Emma, die sich ebenso erschrocken hatte. Beschämt sah sie weg, und dann sah sie endlich die Eltern, ganz weit hinten. Nun rannte sie nicht, sondern tapste vorsichtig durch die Herde, bis sie die Mutter und den Vater erreicht hatte. Voller Erleichterung sank sie neben ihnen im Heu nieder.

„Wo warst du die ganze Zeit, und warum attackierst du andere Schafe? Kannst du dich denn gar nicht benehmen?“ fuhr sie die Mutter an, und Emmas Freude darüber, sie endlich gefunden zu haben, stumpfte ab. „Aber es war doch nicht mit Absicht!“ protestierte Emma, worauf der Vater sich einmischte: „Emma! Sprich nicht in diesem Ton mit deiner Mutter! Und kannst du denn gar nicht hören? Du solltest zum Fluss gehen und dein Fell waschen. Sieh dich mal an, dein Fell hat noch immer all die Flecken!“ – „Das habe ich doch gemacht…“ gab Emma nun ziemlich kleinlaut und kaum hörbar von sich. „Du weißt, das Lügen etwas sehr schlimmes ist. Sieh dir all die anderen kleinen Schafe an. Denen würde es nicht einfallen, so unverschämt zu ihren Eltern zu sein. Und sieh dir an, was für weißes Fell sie alle haben. Leg dich jetzt ins Heu und denke über deine Fehler nach.“ Emma ließ sich ins Heu fallen und vergrub ihren Kopf im Heu. Niemand sollte sehen, dass ihr die Tränen über ihr Gesicht rannen.

Am nächsten Morgen beschloss Emma, von nun an ein braves Schaf zu sein. Sie wollte genau so sein, wie all die anderen Schafskinder mit dem weißen Fell. Gleich morgens, nachdem alle Schafe auf die Weide gegangen waren, ging sie wieder zu Fluss. Mutig und ohne nach dem anderen Schaf Ausschau zu halten sprang sie hinein und versuchte, die braunen und grauen Farbtupfer in ihrem Fell auszuwaschen, doch es gelang ihr nicht. Wann immer sie ihren Kopf nach hinter reckte, um ihr Fell zu überprüfen, waren die hässlichen Flecken noch immer da. Bis zum Abend versteckte sie sich unten am Flussbett, denn sie wollte nicht dabei beobachtet werden, wie sie verzweifelt versuchte, ein Schaf wie jedes andere zu werden.

Als sie bemerkte, dass alle anderen Schafe bereits wieder auf dem Weg in den Stall waren, schlich sie hinterher. Wieder musste sie sich durch eine Menge anderer Schafe drängen, um endlich zu der Ecke des Stalles zu gelangen, wo die Eltern und sie selbst für gewöhnlich waren. Die strafenden Blicke der Eltern – vermutlich, weil Emma noch immer nicht weiß war – ignorierte sie. Ohne ein Wort zu sagen und ohne noch einmal mit den Eltern zum Futtertrog zu gehen, schmiss sich Emma seufzend ins Heu und schlief ein. Sie träumte davon, ganz normal zu sein, zur Schafsherde dazuzugehören. Wenn sie nur ein weißes Fell hätte, so weiß wie das der anderen Schafe – oder nein, ein Fell das noch viel weißer war, ganz rein, so dass es in der Sonne fast leuchten würde – dann würde sie gemocht und auch ein bisschen beneidet werden. Das wünschte sich Emma, so sehr, dass sie fast erschrak, als sie morgens aufwachte, ihr Fell betrachtete und wieder diese grässlichen Flecken darauf sah. So wie sie jetzt aussah, war es kein Wunder, dass sie niemand mochte.

3

Und so beschloss sie, an diesem Morgen nicht mit den anderen Schafen auf die Weide zu gehen. Zur gewohnten Zeit strömten natürlich alle Schafe aus dem Stall in Richtung Weide, und so tat es auch Emma. Doch noch bevor sie selbst die Stalltür erreicht hatte, drängte sie sich zur Seite hin aus der Masse der anderen Schafe heraus und schlich davon. Sie merkte, dass sie sehr erschöpft war, und so ging sie zurück zur elterlichen Ecke des Stalles, wo sie sie erneut ins Heu sank und schlief. Die Eltern, das wusste sie, würden sie auf der Weide nicht vermissen.

Ein lautes Flattern und ein Geräusch, als wäre etwas gegen die Stallwand geklatscht, riss Emma ganz plötzlich aus ihren Träumen. Sie sah nach oben, doch da war nichts. Dann sah sie sich um – und da, direkt neben ihr, saß ein… ja, was war das eigentlich? Vor lauter Schreck machte Emma einen Sprung nach hinten. „Entschuldigung!“, sagte das Etwas, „Das war ein Versehen, wollte dich nicht aufwecken.“ – „Was ist geschehen?“ fragte Emma, und das Etwas antwortete: „Bin gegen die Wand geflogen. Und du, kleines Schaf, machst du heute blau?“ – „Ich bin krank.“ log Emma, denn sie wusste ja nicht, ob dieses Etwas ihre Eltern oder eines der anderen Schafe kannte. „Wer oder was bist du eigentlich?“ fragte Emma, um das Thema zu wechseln. „Ich bin Theodor, die Fledermaus. Lebe schon seit Jahren hier im Stall.“ – „Ich habe dich nie hier gesehen.“ – „Konntest du auch nicht, ich bin ja nur am Tag hier. Nachts bin ich draußen.“ – „Machen das alle Fledermäuse so?“ – „Weiß nicht. Ich mache es so. Und du, wer bist du?“ – „Emma.“

„Also, du bist Emma. Und du bist heute krank.“, fasste Theodor zusammen, „was hast du denn, dass du nicht mit auf die Weide gehen durftest?“ Eine derartige Frage hatte Emma befürchtet, doch trotzdem wusste sie keine passable Antwort darauf. „Ich weiß nicht,“ stotterte sie, „das weiß eigentlich niemand. Es ist einfach so.“ – „Und was, meinst du, würde geschehen müssen, damit du gesund wirst?“ – „Ein Wunder. Mein Fell müsste nämlich weiß werden.“ Nervös zupfte Emma an ihrem Fell herum, und plötzlich war es ihr unangenehm, dass sie Theodor auf ihr Makel aufmerksam gemacht hatte. „Ich sehe nichts Ungewöhnliches an deinem Fell, Emma.“ – „Natürlich nicht, hier im Stall ist es ja auch dunkel. Aber draußen, da…“ fing Emma an zu erklären. „Verstehe.“ meinte Theodor nur. „Da draußen ist es anders.“ Schweigend saßen Emma und Theodor im Heu, und Emma merkte, dass es eigentlich ganz schön war, den Tag nicht allein im Stall verbringen zu müssen. Beruhigt schlief sie schließlich ein.

4

Theodor war verschwunden, als Emma aufwachte, und inzwischen waren all die anderen Schafe wieder von der Weide zurück gekommen. Die Eltern schienen es nicht einmal bemerkt zu haben, dass Emma den ganzen Tag im Stall gewesen war. Sie waren noch nicht einmal zu ihrer Ecke im Stall gekommen, um nach Emma zu suchen, sondern standen weiter entfernt mit den anderen Schafen am Futtertrog. Obwohl es Emma nicht zugeben wollte, machte es sie traurig, dass keiner der beiden sie auch nur ein bisschen vermisst hatte. Andererseits hatte sie nun einen Weg gefunden, wie sie tagsüber nicht gesehen werden musste. Denn niemand würde sie verspotten, wenn sie gar nicht da war. Das beruhigte sie, und so beschloss sie, auch die nächsten Tage noch im Stall zu verbringen. Irgendwann würde sie wieder mit den anderen Schafen auf die Weide gehen. Zumindest sobald sie ein weißes Fell hatte. Denn schließlich wollte sie ja eines Tages noch herausfinden, wo der Regenbogen anfing und wo er hinführte.

Auch am folgenden Morgen klatschte Theodor wieder gegen die Stallwand und weckte Emma aus ihrem Tiefschlaf, noch während ein paar kleine, graue Fellbüschel zu Boden fielen. Dieses Mal wusste Emma sofort, was los war und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Sehr witzig!“ begrüßte Theodor sie. „Immer noch krank?“ – „Ganz genau.“ antwortete Emma, fast ein bisschen froh darüber, dass Theodor wieder da war. „Was tust du die ganze Nacht, da draußen in der Kälte?“ – „Ich beobachte einfach, was geschieht.“ – „Aber nachts geschieht doch gar nichts, weil doch alle schlafen!“ meinte Emma nun. „Oh doch, es geschieht mehr als du glaubst.“ Emma mochte nicht mehr weiter fragen, denn Theodors Antwort machte ihre Angst. Nun saßen sie beide wieder schweigend im Heu, und Emma dachte darüber nach, dass sie eigentlich auch ein bisschen neugierig war, was Theodor an der Dunkelheit in der Nacht so interessant fand.

Auch dieses Mal schlief sie ein und erwachte erst, als Theodor schon wieder ausgeflogen war und die anderen Schafe sich nach ihrer Rückkehr vom Feld um den Futtertrog drängten. Emma sah ihnen zu und fragte sich, ob auch nur eines dieser Schafe, einschließlich ihrer Eltern, sich jemals Gedanken über die Nacht oder den Regenbogen gemacht hatte. Vermutlich nicht, denn mit dem Regenbogen hatte ja alles angefangen. Damals war ihr zum ersten Mal bewusst geworden, dass sie nicht dazugehörte. Und so vergingen die Tage. Emma blieb heimlich im Stall und verbrachte die Stunden mit Theodor, während die anderen Schafe auf der Weide waren. Den Regenbogen hatte sie lange nicht mehr gesehen. Eigentlich wusste sie nicht einmal mehr, ob er je wirklich da gewesen war.

5

Eines Nachts wachte Emma plötzlich auf. Es war noch dunkel draußen, und nur ein Surren, das wie der Traktor des Bauern klang, war zu hören. Vermutlich war es dieses Surren gewesen, das sie aufgeweckt hatte. Das Geräusch verstummte, und nun konnte Emma ein paar Vögel hören, die sich auf den Morgengesang einzustimmen schienen. Eine Weile lauschte sie noch, dann wurde sie neugierig. Vorsichtig streckte Emma sich, und ganz leise tapste sie zur Stalltür, die einen Spalt geöffnet war. Sehr aufgeregt war sie, als sie ihren Körper durch den Spalt der Holztür schob und die frische Luft der Nacht einatmete. Einen solch frischen Geruch hatte sie lange nicht wahrgenommen. Sie sah den Hof, den die Schafherde jeden Tag überquerte, um zur Weide zu gelangen. Nie zuvor hatte sie ihn im Gedränge der anderen Schafe wirklich sehen können. In der Mitte stand ein Kübel, dem sich Emma nun vorsichtig näherte.

Mühsam gelang es ihr, sich mit den Vorderpfoten an seinen Wänden abzustützen, und was sie sah, war mehr als überraschend. In diesem Kübel war nämlich jede Menge weißes Mehl. „So machen es die anderen Schafe also, dass sie immer ganz weiß sind!“ dachte sich Emma wütend. Mit aller Kraft kletterte sie in den Kübel, der daraufhin mit einem lauten Krach umfiel und sie mit dem weißen Mehl überschüttete. Erschrocken ergriff Emma die Flucht und rannte zurück in den Stall, noch bevor sie von jemandem gesehen werden konnte. Die Schafe im Stall schienen nichts mitbekommen zu haben, denn noch immer war nicht mehr als gleichmäßiges Atmen und Schnarchen zu hören. Unauffällig legte sich Emma wieder in die Ecke des Stalls, wo die Eltern schliefen.

Endlich war Emmas Fell ganz weiß! Vor Aufregung konnte sie nun nicht mehr einschlafen, und so lag sie wach, bis die anderen Schafe aufwachten. Später ging sie nun stolz mit den anderen Schafen auf die Weide, doch Emma merkte, dass sie Theodor vermisste und sich nun wünschte, sie wäre auch heute so wie immer im Stall geblieben. Inzwischen war es Herbst geworden, und so waren die Blumen bereits verwelkt, die Sonnenstrahlen verschwunden. Der Regenbogen war nirgends zu sehen, nur die Blätter an den Bäumen schienen in allen Farben zu leuchten. „Schön weiß ist dein Fell geworden, Emma,“ meinte die Mutter später zu ihr, „nur ein bisschen struppig.“ Emma betrachtete nun selbst ihr Fell und sah, dass die Mutter Recht hatte. Das weiße Mehl in ihrem Fell schien ihm seinen Glanz zu nehmen.

Am Abend, noch bevor der Bauer die Schafe wieder in den Stall holte, fing es kräftig an zu gewittern. Die Blitze und Donner erschreckten Emma, und sie konnte nicht verstehen, dass keines der anderen Schafe ihre Angst zu teilen schien. Die Schafe standen in Herden beieinander, nur Emma stand ganz allein zwischen den Herden und zitterte, sodass sie kaum aufrecht stehen konnte. Der Regen platschte nur so auf ihren Körper und wusch all das Mehl wieder aus ihrem Fell heraus. Mit jedem Tropfen wurden die braunen und grauen Flecken auf ihrem Fell wieder sichtbar. Und mit jedem Tropfen wünschte sie sich umso mehr, dass sie an diesem Tag doch lieber bei Theodor im Stall geblieben wäre.

6

Sehr früh am nächsten Morgen, noch bevor auch nur eines der anderen Schafe wach war, konnte Emma bereits nicht mehr schlafen. Dieses Mal lag es nicht an einem surrenden Geräusch, sondern an den schnarchenden Schafen um sie herum, und an dem Heu, das sie irgendwie piekte. Wieder wurde sie neugierig und beschloss, noch einmal den Versuch zu wagen, ihr Fell mit weißem Mehl zu bestäuben. Es würde den Glanz aus ihrem vom gestrigen Regen frisch gewaschenen Fell nehmen. Doch weißes, struppiges Fell, so fand Emma, war noch immer besser als die brauen und grauen Flecken darauf. Und so tapste Emma erneut durch den kleinen Spalt in der Holztür aus dem Schafstall, um nach dem Mehlkübel zu suchen. Sie fand ihn nirgends. Dafür war die Sonne wieder da.

Die Frau des Bauern schien die einzige, die genau wie Emma wohl nicht mehr schlafen konnte. Vermutlich hatte auch der Bauer zu laut geschnarcht, sodass sie nun mit vielen Wäschekörben im Hof stand und die Wäschestücke auf der Leine aufhängte. Emma sah der Bauersfrau ruhig zu, wie diese ein weißes Bettlaken über die Wäscheleine schwang und es mit Wäscheklammern daran fest machte. Dann erblickte die Frau Emma, sah sie an und meinte nur: „Na, du Schaf, hat der alte Herr gestern vergessen, dich in den Stall zu sperren.“ Offensichtlich war die Stalltür nicht absichtlich offen gelassen worden.

Emma sah weiter dabei zu, wie ein Wäschestück nach dem anderen auf der Wäscheleine landete. Am meisten faszinierte sie jedoch das weiße Bettlaken, denn es war nicht nur weiß, sondern auch schön glatt. Die Bauersfrau lachte, als Emma ein paar Schritte rückwärts ging, doch sie hörte auf zu lachen, als sie sah, wie Emma plötzlich Anlauf nahm und direkt auf das weiße Laken zu rannte, sich daran festbiss und es damit von der Leine riss. Mit einem weißen Bettlaken über ihrem Körper hoppelte Emma nun über den Hof. Sie konnte nicht mehr sehen, in wohin sie rannte. Also sprang sie in großen Schritten, ihrer Erinnerung folgend und mit einer laut schimpfenden Bauersfrau hinter sich her rennend, direkt zurück in den Stall. Dort kam sie nicht weit, denn die schon hatte die Frau sie eingeholt, nahm Emma das Laken wieder weg und verschwand, noch immer schimpfend.

„Was, bitte, sollte das?“ hörte Emma den Vater fragen. Sie drehte sich um und sah hinter sich die Eltern, die sie mit wütenden Blicken ansahen. Die anderen Schafe waren inzwischen auch wach, und viele von ihnen hatten ebenfalls ihre Blicke abfällig auf Emma gerichtet. Einige schüttelten verständnislos die Köpfe, andere sahen beschämt weg, während die Eltern Emma ausschimpften. Emma antwortete nicht, weil sie sich schämte. Müde schleppte sie sich zurück in die Stallecke und beschloss, heute doch lieber wieder im Stall zu bleiben. Vielleicht würde Theodor wieder da sein. Keines der Schafe schien es zu stören, als Emma sich nicht einmal mehr die Mühe machte, so zu tun, als würde sie mit auf die Weide gehen. Sie ließen sie zurück im Stall, ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen.

7

Theodor kam und sah sofort, dass Emma sehr betrübt war. „Was ist los, kleines Schaf?“ – „Ich habe Dummheiten gemacht. Erst den Mehlkübel ausgekippt, dann der Bauersfrau ein weißes Bettlaken gestohlen. Und nun sind alle wütend auf mich, noch viel mehr als sonst.“ – „Ist doch nicht so schlimm.“ meinte Theodor nur tröstend. Und obwohl Emma die ganze Sache sehr wohl schlimm fand, so war es allein schon tröstend, dass zumindest Theodor sie noch gern zu haben schien. Emma fing plötzlich an zu weinen, warum, wusste sie auch nicht. „Und deshalb gehst du nicht mehr auf die Weide?“ – „Ja.“ – „Aber es muss doch schön sein dort, tagsüber.“ – „Nein, ich war ja gestern dort. Es ist kalt und nass und ungemütlich,“ schluchzte Emma, „und der Regenbogen ist auch nicht mehr da.“ – „Der Regenbogen?“ – „Das ist ein bunter Weg, den ich einmal gesehen habe. Wenn man ihn überquert, dann kommt man direkt zur Sonne. Ich weiß nur nicht, wo der Weg anfängt und wo er hinführt.“

„Hör mal,“ sagte Theodor, „es könnte doch sein, dass dieser Weg manchmal da ist und manchmal eben nicht.“ – „Du meinst, ich kann diesen Weg noch einmal sehen und dann herausfinden, wo er beginnt?“ – „Wenn du dann auf der Weide bist, schon.“ – „Aber wenn ich am Tag auf der Weide wäre, dann würde ich dich ja nicht mehr sehen.“ warf Emma ein. „Du musst mich nicht sehen, um zu wissen, dass ich da bin.“

„Was magst du so an der Dunkelheit in der Nacht?“ wollte Emma nun von Theodor wissen. „Das Geheul der Wölfe in weiter Ferne. Das Rauschen des Flusses in der Stille. Und den Wind, der mir entgegenkommt, wenn ich durch die Nacht fliege.“ Theodor sprach in Rätseln, fand Emma, doch genau diese Rätsel machten das, was er da sagte, umso interessanter. „Den Wind habe ich gespürt, den Fluss gesehen, aber die Wölfe habe ich nie gehört.“ sagte Emma, mehr zu sich selbst als zu Theodor. „Wer auch immer die Wölfe je gesehen hat, erzählte danach, sie seien sehr gefährliche Wesen. Sehr bösartig und grausam. Der Bauer hier hat einen gesehen, vor sehr langer Zeit. Seitdem besitzt er ein Gewehr.“ Emma wusste nicht, was ein Gewehr war, doch sie verstand, wovon Theodor sprach.

In der folgenden Nacht blieb Emma wach, in der Hoffnung, irgendwo in der Ferne das Geheul der Wölfe hören zu können. Lange Zeit war es still, nur das Grunzen der Schafe war zu hören, und der Wind, der von draußen durch die undichten Stellen des Schafstalles zu pfeifen schien. Und dann, von ganz weit her, hörte Emma die Wölfe. Obwohl sie sich fürchtete, so ganz allein, machte sie sich ganz vorsichtig auf zu der Holztür. Nun konnte sie das Geheul noch deutlicher hören und verstand noch ein wenig besser, was Theodor am Tag zuvor gemeint hatte. Die Mischung des dunklen Gesanges der Wölfe mit dem eisigen Klang des Sturmes, der draußen umher fegte, hatte doch etwas sehr Bedrohliches, etwas Angst einflößendes.

8

Einmal mehr gelang es Emma, durch die halb geöffnete alte Holztür aus dem Stall zu entkommen. Gleich darauf hörte sie die Tür hinter sich zuschlagen und zuckte zusammen. Emma bekam es nun doch mit der Angst zu tun und wollte wieder zurück in den Schafstall, doch es gelang ihr nicht, die Tür wieder zu öffnen, so sehr sie sich auch mit aller Kraft dagegen warf. Nun würde sie die ganze Nacht hier draußen in der Kälte verbringen müssen. Vielleicht würde sie irgendwo einen Unterschlupf finden. Suchend sah sie sich um, doch sie entdeckte nur einige Bäume und Sträucher am anderen Ende des Hofes, und so lief sie dort hin und legte sich unter einen Baum. Der Wind pfiff Emma um die Ohren und ließ die letzten vertrockneten Blätter gleichmäßig von den Bäumen auf den Boden fallen, das Wolfsgeheul in der Ferne war verklungen. Nun hatte das erhoffte Abenteuer wirklich nichts Faszinierendes mehr, es war einfach nur kalt und gruselig, hier draußen.

Plötzlich konnte Emma zwischen dem Rascheln der zu Boden fallenden Blätter und dem Pfeifen des Windes noch etwas anderes hören. Es war wie ein Knistern, nicht weit von ihr entfernt, dort in den Büschen. Emma hob den Kopf, stand leise – ganz leise – auf und entfernte sich von ihrem Versteck. Vielleicht würde sie etwas erkennen können, wenn sie sich ein wenig von ihrem Unterschlupf entfernte. Ihre Beine zitterten, während sie auf die sich bewegenden Äste der Büsche starrte. Oben auf dem Baum sah Emma ganz plötzlich Theodor, der sie nur still ansah, und so blieb auch Emma still, sagte nichts und rührte sich nicht von der Stelle. Inmitten aus dem Gebüsch tauchte nun ein Wesen auf, von dem Emma ganz genau wusste, dass es ein Wolf sein musste.

Der Wolf erblickte Emma, blieb stehen und blickte sie eine Weile einfach nur an. Ebenso stand Emma noch immer da, ohne etwas zu tun. „Was tust du hier, so mitten in der Nacht, Schaf?“ fragte der Wolf sie schließlich. „Ich habe dein Geheul gehört, ganz weit in der Ferne.“ – „Und dann wagst du dich noch hinaus?“ Emma wusste keine Antwort, aber fragte den Wolf: „Warum hast du nicht weitergesungen? Und warum bist du stattdessen hergekommen?“ Der Wolf sah sie ruhig an und antwortete: „Um zu töten.“ – „Mich?“ – „Die Schafe im Stall.“ – „Warum?“ – „Weil ich das nun einmal so mache.“ Emma sah zum Baum, in der Hoffnung, Theodor würde ihr ein Zeichen geben, doch Theodor war verschwunden.

„Lass doch die Schafe im Stall am Leben,“ meinte Emma zu dem Wolf, „und töte lieber mich.“ – „Warum sollte ich das tun?“ – „Weil mich niemand vermissen würde. Es würde gar nicht auffallen, dass du hier gewesen bist. Ansonsten würdest du dich in Gefahr begeben, vom Bauern erschossen zu werden. Er hat ein Gewehr, weißt du.“ – „Du bist mir zu langweilig, Schaf.“ sagte der Wolf knurrend. Langweilig, dachte Emma, so hatte sie auch noch niemand bezeichnet. Dabei war sie das in der Tat. „Der Sinn am Jagen ist doch der,“ fuhr der Wolf fort, „dass die Beute davon läuft.“ Auch das hatte Emma nicht getan. „Kannst du dann nicht woanders jagen gehen und die Schafe hier in Ruhe lassen?“ fragte Emma. „Aber natürlich.“ sagte der Wolf und verschwand wieder im Gebüsch.

9

Emma hatte direkt vor der alten Holztür des Schafstalles geschlafen und wachte erst auf, als einige der Schafe aufgeregt an ihr vorbei direkt auf die Weide liefen. Dieses Mal liefen sie nicht in der Herde sondern kamen nur vereinzelt durch die alte Holztür gerannt. Ihre Blicke waren starr, sie schienen Emma nicht wahrzunehmen. Gerade als Emma im Stall nachsehen wollte, wo die anderen Schafe blieben, kam der Bauer durch die Stalltür gelaufen, schloss sie hinter sich ab, sodass es Emma nicht mehr möglich war, auch nur einen Blick durch den Türspalt zu werfen. „Ab, auf die Weide mit dir!“ brüllte der Bauer sie an, und Emma fragte sich, ob der Bauer wusste, dass sie nachts aus dem Stall ausgebrochen war.

Und da fiel es ihr wieder ein, dass sie in der letzten Nacht dem Wolf begegnet war. So schnell sie konnte, lief sie auf die Weide zu den anderen Schafen, um nach den Eltern zu suchen. Sie konnte sie nirgends finden, wie es so oft der Fall gewesen war, doch dieses Mal machte es ihr wirklich Angst. Von einem Schaf zum anderen lief sie, immer in der Hoffnung, die Mutter oder den Vater zu erblicken. Sie fand sie nicht, und so lief sie ein weiteres Mal von einem Schaf zum anderen. „Er hat alle getötet, die er kriegen konnte.“ hörte sie eines der Schafe sagen. „Wer jetzt nicht hier ist, ist ihm zum Opfer gefallen.“ fügte ein anderes hinzu. Und erst jetzt wurde Emma bewusst, dass ihre Eltern nicht mehr da waren. Der Wolf hatte sie getötet. Er hatte nicht die Wahrheit gesagt.

Emma legte sich auf den kalten Boden, vergrub ihren Kopf unter den Pfoten und weinte bitterlich. Stunden lang lag sie dort. Warum hatte der Wolf nicht sie getötet? Warum hatte er ihr die Eltern genommen? Wo würde Theodor heute sein, wenn doch die Stalltür abgeschlossen war, und warum hatte er sie in der letzten Nacht nicht davor gewarnt, was geschehen würde, wenn sie einschlief? Am Horizont war der Regenbogen und leuchtete in allen Farben – gerade so, als wäre er immer da gewesen. Aus dem Wald konnte Emma den Gesang der Vögel hören, so als wäre nichts geschehen.

Als es Abend wurde, beschloss Emma, nicht mehr mit den anderen Schafen zurück in den Stall zu gehen. Stattdessen ging sie zum Fluss, wo sie nun begriff, dass das andere Schaf darin ihr Spiegelbild war. Sie betrachtete die braunen und grauen Flecken auf dem Fell genauer und fand nun, dass sie ihrem Fell eigentlich doch ein schönes Muster gaben. In der Dämmerung konnte sie Theodor sehen, der über das Feld flog, direkt in die Richtung des Regenbogens.


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