Letztes Wochenende waren Kommunalwahlen in Bayern und Brandenburg. Da ich weder in Brandenburg noch in Bayern wahlberechtigt bin, kann ich also keiner Erfahrungsbericht wiedergeben, sondern nur das, was ich aus Erzählungen von Bewohnern der wahlberechtigten Regionen erzählt bekommen habe.
Die Zeit vor den Wahlen schien abzulaufen wie eh und je: an jeder Ecke Stände der Parteien mit den jeweiligen Vertretern (oder Studenten, die dringend Geld brauchten?), die großzügig Werbebroschüren, Fähnchen, Luftballons und Gummibärchen in eigens dafür produzierten Verpackungen den vorbei hetzenden Passanten in die Hände drückten.
In den Lokalzeitungen konnte man vermehrt Berichte über sozial engagierte Parteimitglieder lesen, die Kindergärten, Einrichtungen für behinderte Menschen oder Seniorenwohnheime besuchten – natürlich mit entsprechenden Fotos. Vermutlich war die Fürsorge sogar so groß, weil auch die Menschen am Rande der Gesellschaft wissen sollten, wo sie ihre Kreuze auf dem Wahlzettel machen sollen. Klingt das jetzt zu zynisch? Es kommt noch mehr…
Auch für die übliche Bevölkerung wurde gesorgt: Die grauen, von Graffitis verunstalteten Hauswände und Mauern wurden mit Wahlplakaten geschmückt, ebenso die kahlen Straßenlaternen. Eine Partei X schaffte es sogar, die Erlaubnis dafür zu bekommen, bunte Plakatwände auf leerstehenden Grundstücken und vor leerstehenden Häusern aufstellen zu dürfen – die dann (von wem nur?) in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen wurden. (Also, die Plakate meine ich jetzt, nicht die Häuser!) Der Schaden wurde aber noch in der gleichen Nacht ersetzt, Partei Y stellte neue Plakatwände auf, natürlich von der eigenen Partei höchstpersönlich zur Verfügung gestellt.
Partei Z hatte die meiner Meinung nach bessere Strategie: die entsprechenden Vertreter gingen am Morgen des Wahltages von Haustür zu Haustür und verteilten frische Brötchen an die potentiellen Wähler (mit eingebackenem Partei-Logo). Kleiner Hinweis an die Vertreter der anderen Parteien (für’s nächste Mal!): Dazu passen hausgebackener Kuchen und heißer Kaffee.
Die Wahlen an sich waren dann ja wieder recht unspannend. Drei Stimmen, die man entweder an einen Vertreter oder an drei verschiedene vergeben kann. Erstaunlich ist dabei aber, wie vielen Menschen es offenbar nicht gelingt, bis drei zählen zu können: Die Zahl der ungültigen Stimmzettel fand ich jedenfalls erstaunlich. Wobei die Methode des ungültigen Stimmzettels ja auch gern genutzt wird, um allgemeine Unzufriedenheit mit der politischen und gesellschaftlichen Situation im Allgemeinen zum Ausdruck zu bringen.
Interessant könnte noch sein, dass die gültigen Stimmen sich ja nun sehr ausdrücklich gegen die im Bundestag regierende Partei positioniert haben – auch eine Methode, Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation auszudrücken. Vielleicht sollte es auch dafür eine Ankreuz-Option auf dem Wahlzettel geben, so dass man endlich mal feststellen könnte, wer in unserer Gesellschaft wirklich für und nicht gegen etwas wählen geht, wer unzufrieden und wer ungebildet ist und zur Mathe-Nachhilfe gehen muss.
Die Ergebnisse der PISA-Studie wundern mich aber ganz definitiv nicht mehr, wenn ich mir die Wählerzahlen gewisser rechtsorientierter Parteien ansehe. Vielleicht könnte man Abhilfe schaffen, indem man diesen Wählern schonend beibringt, dass es sich bei den Wahlzetteln nicht um Gewinnspielpostkarten handelt, und dass es am Ende auch keinen Mercedes und zu gewinnen und auch keine Trostpreise gibt. Ich muss aber zugeben, dass ich mich (aus Prinzip!) nicht mit den Motiven dieser Parteien auseinandersetze.
Eine Frage, die ich mir ohnehin immer wieder stelle, ist: Wie viele der Wahlberechtigten sind überhaupt wahlfähig? Wie viele der Menschen, die letzten Sonntag einen Wahlzettel ausgefüllt habe (jetzt mal egal, mit wie vielen Kreuzchen drauf) haben sich wirklich damit beschäftigt, welche Interessen die jeweiligen Parteien überhaupt vertreten? Und was haben die Parteien dafür getan, ihre Interessen wirklich so darzustellen, dass Otto-Normal-Wähler sie auch versteht? Vermutlich nicht viel. Wozu auch, denn bei den Wahlversprechen scheint es sich in der Praxis meist eher um „Wahlversprecher“ zu handeln.
Könnte das mal bitte jemand im Duden korrigieren, danke.
MfG usw.